Es ist ein medizinischer Streit entbrannt. Es geht um ein wenig beachtetes Phänomen bei der Bewältigung von Meinungsfreiheit: die Meinungspluralität.
Stefan Sasse (spiegelfechter.com) vertritt die Auffassung, dass die blogosphärische Hirnrinde unter Wegnahme von Meinungspluralität ganz von allein verkümmert. Dies würde eine revolutionäre Erkenntnis für die Demokratiebekämpfungsforschung bedeuten.
Sein Kontrahent Jens Berger (ebenfalls spiegelfechter.com) hingegen behauptet, dass das Gegenteil der Fall ist und eben jene Verkümmerung durch Zufuhr von Meinungspluralität erreicht werden könne.
Eine Bewertung dieser Thesen bedarf einiger medizinischer Grundüberlegungen.
Meinungspluralität ist eigentlich ein Symptom des Aufklärungssyndroms, dem Anfangstadium des hochfunktionalen Demokratismus. Zumeist wird bei der Behandlung einer schwerwiegenden Störung, wie der Demokratie, zuerst auf Meinungspluralität behandelt. Aber kann man eine Krankheit bekämpfen, indem man nur die Symptome lindert? Nein, das sorgt nur dafür, dass die Krankheit nicht mehr so nervt, während man sie tiefergehend therapiert.
Folgerichtig sollte also der Patient zunächst entweder mit prä-diskursiven Konsens-Präparaten oder aber mit non-diskursiven Antireflexiva behandelt werden. Die typischen blogosphärischen Nebenwirkungen bei diesen Medikamenten sind Wutanfälle, Hitzewallungen und Rückfälle in journalistische Qualitätsarbeit – in aufsteigender Reihenfolge. Beim etwaigen Ausbleiben dieser Reaktionen kann die blogosphärische Hirnrinde mit Fug und Recht als dysfunktional bezeichnet werden.
Ein großes Hindernis bei der Therapie auf demokratische Störungen stellt nach wie vor die Restlogik dar, die zumeist in der blogosphärischen Hirnrinde angesiedelt ist. In den letzten Jahren hat sich allerdings herausgestellt, dass in anderen Hirnregionen vorkommende Restlogik erfolgreich durch die Gabe von künstlichen Meinungspluralitätspräparaten (z.B. Opinio-Balance) abgetötet werden kann. Voraussetzung für eine positive Medikamentenreaktion ist, dass die Restlogik als eine Folgeerscheinung von therapiebedingter Unlogik vorliegt (bspw. einer Überdosis Propagandol). Ein entsprechendes Präparat für die blogosphärische Hirnrinde konnte bisher nicht erflogreich getestet werden.
Fazit: Meinungspluralität ist als künstliches Präparat zur Demokratiebekämpfung durchaus indiziert. Natürlich vorkommende Meinungspluralität ist jedoch ein sicheres Symptom für eine prosperierende Demokratie, dessen Reduktion nicht nur erfolgversprechend, sondern auch notwendig für den Heilungsprozess ist.
Die Streitenden Sasse und Berger reden aneinander vorbei, da sie sich offenbar auf unterschiedliche Erscheinungsformen von Meinungspluralität beziehen. Aufgrund der stattgefunden Argumentationen, ist anzunehmen, dass beide an Selbstkritik im Endstadium leiden, was auf einen schwerwiegenden Aufklärungsjournalismus hindeutet – eine sehr seltene Krankheit.
gute Besserung,
fazipistAD